Deutsche in Lederhosen, grölende Italiener, ungehobelte Australier. Das Oktoberfest ist vor allem die UNO-Generalversammlung der Klischees. Einerseits gehen die Kellnerinnen heute und morgen auf Deckung und rüsten sich für das Italiener-Wochenende aus, andererseits zeigen in den Zelten verschwitze Bundesbürger, dass die ironisch verheerende Beschreibung, die im letzten Roman von Umberto Eco Namens „Der Friedhof von Prag" auftaucht, wo über unmäßigen Verbrauch von Bier und Wurst in Deutschland gelästert wird, während dieser Wochen an Plausibilität gewinnt.
Trotz den vielen Besuchern aus dem Süden, die übrigens zumeist aus Nord-Italien stammen, ist es gar nicht einfach einem durschschnitt-Italiener den Charme dieser deutschen Massenveranstaltung zu erschließen, sofern er kein Halbwüchsiger mehr ist und noch nicht in den Sog der Wiesn-Bierseligkeit geraten ist. Warum soll man denn stundenlang unter Wildfremden in überfüllten Zelten sitzen, dauernd Bier trinken und eventuell sogar mit Sitznachbarn schunkeln, die alle wie Alpenbauern verkleidet sind?
Was nämlich den Freistaat Bayern von Italien (und Deutschland?) unter anderem total unterscheidet, ist die Pflege der Trachtenkultur. Dort ist Trachten-Anziehen generell schon seit je out, hier war allenfalls in den Siebzigern nicht so modisch, steht aber seit langem wieder hoch im Kurs. Eine Dame aus Verona, Mailand oder Torino, die bereit wäre, sich in der traditionellen Kleidung ihres Landes zu zeigen, sucht man vergebens. Auf dem Oktoberfest dagegen out ist, wer keine Tracht trägt.
Man könnte sagen, dass es auf der Wiesn einfach um Geselligkeit und um die zeitweilige Verlagerung seiner eigenen Sitzecke ins Zelt geht, was wiederum einem Italiener schwer zu erklären ist, da er weder einen Begriff für Sitzecke im Kopf noch eine solche zu Hause hat.
Tja, um meinen Landesleuten die Faszination Oktoberfest zu erklären, könnte ich es vielleicht mit dem hohen Flirtfaktor probieren (und damit wäre ich wieder in der Klischee-Falle geraten) oder ihnen die mehr oder minder gut gelungene Mischung aus bayerischer Tradition und Internationalität zu preisen, was durchaus das Interesse und die Eigentümlichkeit diese „glocalen" Massenrausches darstellt.
Letzen Endes bleibt es auch mir ein Rätsel, warum denn jedes Jahr Millionen Menschen auf diese riesige Dorffest pilgern. Und trotzdem freue ich mich jeden September auf eine Runde mit Freunden in Krachledernen und Haferlschuhen.


