Ich mag Deutschland, wollte aber davon einmal Urlaub machen. Wirklich gelungen ist es mir aber nicht. Ich hatte nämlich eine siebentägige Pauschalreise bei einer großen deutschen Reiseagentur gebucht und war bereit, mich überraschen zu lassen, denn so etwas hatte ich noch nicht gemacht. Als ich auf Rhodos landete und ins Hotel kam, schien es mir aber fast wie im Frankfurt zu sein. Die meisten Gäste waren Deutsche, sämtliche Kellner sprachen Deutsch, im Fernsehen gabt es fast ausschließlich deutsche Sender und im Restaurant gab es statt Gyros und Ouzo meistens Wurst, Eier und riesige Sahnetorten. Griechische Stimmung habe ich auch selten erlebt, denn das Abendessen war von 18 Uhr bis 21 Uhr geplant. Ausgerechnet wenn sich die Griechen an den Tisch setzten, um über die Speisekarte zu räsonnieren, hatten wir Gäste der deutschen Kolonie bereits den letzten Bissen Schwarzwälder Kirschtorte geschluckt und konnten nun ins Bett gehen, um ganz früh am nächsten Tag die Liegestühle mit den Badetüchern zu besetzen, um den besten Platz an der Sonne zu ergattern.
Von griechischen Gewohnheiten habe ich während dieser Reise also ziemlich wenig erfahren, umso mehr habe ich jedoch die deutsche Fähigkeit, alles zu planen und zu organisieren, hautnah erleben können.
So gut wie wir deutsche Urlauber dank der Pauschalreise Griechenland gekannt haben, denken viele Deutsche auch Italien zu kennen, wenn sie ein paar Mal an den Gardasee, nach Riccione oder Rom gefahren sind. Das mag nun daran liegen, dass ich in München wohne, aber nicht wenige Deutsche, denen ich im meinem Alltag begegne, halten sich tatsächlich für Italienkenner und fühlen sich berechtigt, an der italienischen Politik Anteil zu nehmen und von mir gerne und ungefragt bei beliebigem Anlass einen Erklärung bzw. eine Entschuldigung zu verlangen, warum denn dieser Berlusconi noch regiere.
Das Interesse meiner Landsleute an den Affären um deutsche christsoziale Politiker mit zwei Familien oder einer 16-jährigen Geliebten hält sich dagegen in Grenzen, doch nehmen sie Deutschland zunehmend als interessantes Reiseziel wahr. Seit Berlin wieder Hauptstadt ist, kommen jährlich immer mehr Touristen aus dem „Belpaese" hierher. Und trotzdem finde ich, dass es in diesem Land jenseits der üblichen Verdächtigen (München und Berlin) noch viel zu entdecken gibt. Magische Städte wie Görlitz, poetische Orte wie den Frankenwald oder die weiten Felder Schleswig-Holsteins: für viele Touristen aus dem Süden sind diese Ziele noch kein Begriff. Es gibt also für die Flagschiffe der deutschen Reiseindustrie Potential zur Verbesserung. Was solche Reiseveranstalter perfekt meistern, nämlich Menschenmassen ins Ausland zu lenken, sollte man auch umgekehrt intensiver betreiben, um die Welt zu Gast nach Deutschland zu bringen.


