Als ich einmal in den Odenwald reiste, tauchte vor mir plötzlich eine weißgraue Anlage am Neckar auf, aus der Wasserdampf hochstieg. Der Klotz mitten in der Natur war das Kernkraftwerk Obrigheim. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Nicht nur, weil in Italien seit der Volksabstimmung 1987 keine Kernkraftwerke mehr am Netz hängen, sondern wegen der Art, wie Natur und Technik im Neckartal harmonierten. Für meine italienischen Augen, die von der Zersiedlung der Poebene geschädigt waren, grenzte das an etwas Wunderbares. Natürlich trügt jeder Schein, und die Beziehung von Natur und Technik gerät doch oft zu einer Zwangsehe zugunsten der Technik. Trotzdem ist Obrigheim ein Beispiel für die Aufmerksamkeit, die man in Deutschland der Landschaft widmet. Wenn schon ein Kernkraftwerk, dann wenigstens von Grün getarnt.
Tatsächlich fällt vielen Besuchern aus dem Süden auf, was für ein schönes Land Deutschland ist. Wir kommen mit Vorurteilen und denken, es sei alles grau und nebelig, entdecken jedoch weite und gepflegte Landschaften, knallgelbe Rapsfelder, endlose Wälder. Selbst im verrufenen Marzahn ist es mir nicht gelungen, bloß Zement zu finden, denn ausgerechnet jener Berliner Stadtteil beherbergt eine riesige Parkanlage mit Gärten aus aller Welt. Deutschlands Grün ist sogar mittels Google Maps nachprüfbar. Das hat einen historischen Grund: Seit Jahrhunderten ist hier die Umwelt systematisch gestaltet und gezähmt worden, wie David Blackbourn in „Die Eroberung der Natur" erzählt. „Waldsterben" ist sicherlich nicht nur ein Modewort aus den Achtzigern, dennoch muss man sich bewusst machen, dass es heutzutage mehr deutsche Wälder gibt als im Mittelalter.
Komischerweise gefällt das nicht jedem. Karl Heinz Bohrer zum Beispiel findet, dass das Grüne, mit dem hier viele Städte geschmückt sind, eher ein Zeichen jener Spießigkeit sei, die Deutschland gegenüber seinen Nachbarländern kennzeichne. Enturbanisierung nennt der Literaturtheoretiker abwertend in seiner amüsanten Streitschrift „Provinzialismus" den Vormarsch der Bäume in die deutschen Städte, als ob knallharte Zubetonierung der einzige Weg in die Moderne wäre. Ein solcher Gedanke kann nur von einem Bürger kommen, der an die Bequemlichkeit der hiesigen Stadtplanung gewohnt ist und dem das Grau mancher französischer oder italienischer Vorstädte entfallen ist. Oder ist es vielleicht nur der Neid eines Pollenallergikers auf die Freiheit seiner Mitmenschen, die sorglos auf begrünten Wegen radeln können, wenn der Frühling endlich wieder da ist?


