Steckt das Land in einer Seifenblase?
Aus der Kolumne "Mein Deutschland", Süddeutsche Zeitung
Frauen-WM: Begeisterung in Italien? Fehlanzeige. Jenseits den Alpen interessiert sich nämlich kein Schwein für die Frauen-Weltmeisterschaften, wie ich einem verblüfften Kellner im Biergarten erzählen musste, als er mich zu Rede stellte und fragte, warum denn Italien nicht mitspielt. Zugegeben, nach der Schlappe gegen Japan auch die Deutschen hoffen und fiebern weniger, aber der Unterschied zwischen dem Enthusiasmus hier und dem Desinteresse dort für dieses Sport- und Medienereignis bleibt gewaltig. Dasselbe gilt für den Eurovision Song Contest, dessen Existenz in Rom oder Mailand fast unbekannt ist, während diese Veranstaltung im Hamburg oder Berlin ein großes Publikum fasziniert. Was die Musik angeht, ist es in Italien in der Tat ziemlich schwierig sich gegen das Festival di Sanremo zu stellen, das seit Jahrzehnten der Platzhirsch in Sachen Fernseh-Musikwettbewerb ist und den Inbegriff der Befindlichkeit im Belpaese repräsentiert. Für das mangelnde Interesse an der Frauen-WM spielt wahrscheinlich ein gewisser Machismo der italienischen Fußballwelt eine wichtige Rolle.
Dies alles ist meines Erachtens aber auch ein klares Zeichen des Rückzugs in sich selbst, den Italien seit Jahren erlebt. Es ist, als ob das Land in einer Seifenblase stecken bliebe, wo die Betrachtung seines eigenen Bauchnabels viel interessanter ist als der Anblick der Außenwelt. Klar spielt die Politik eine aktive Rolle für diesen diffusen Provinzialismus, denn, wer glaubt, „bei uns" sei es viel besser als bei den Fremden, unterstützt den Status Quo. Mittel aber, um über den Tellerrand – sprich das verblödende Fernsehen – hinaus zu schauen und sich seine eigene Meinung zu bilden, gibt es auch in Italien genug. Wer aber auf Idee gekommen ist, dass sich nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die geistliche und politische Situation des Landes ändern müsste, um zu genesen, kommt oft gleich zur drastischen Entscheidung auszuwandern, was auch das Lernen der nicht gerade einfachen deutschen Sprache bedeuten kann. «Seit Jahren bekomme ich fast jeden Tag Emails von verzweifelten Jungen, oft Akademikern, die nicht mehr die Seichtheit Italiens ertragen und in Deutschland eine Hoffnung sehen», erzählt mir der Software-Ingenieur Claudio Cumani, Präsident des italienischen Komitees in Bayern. Dies allein wäre aber keine allzu schlechte Nachricht, denn ich glaube, eine innereuropäische Durchmischung kann nur zu einem stärkeren Europa führen. Das Schlimme für Italien ist viel mehr, dass sehr wenige qualifizierte Deutsche ihr Glück südlich den Alpen suchen, sodass, was bleibt, am Ende eine absolute Verarmung Italiens ist, wo junge Studenten an guten Universitäten ausgebildet werden, um dann als qualifizierte Wissenschaftler kostenlos und geschenkt nach Deutschland zu gehen.


